10. Oktober 2024



7. Oktober 2023


Wie lange kann ein Tag dauern? Wie lange dauert der 7. Oktober 2023 für Israel, für uns? Am 23. Dezember 2023 schrieb Natan Szneider im Blick auf Israel: Es ist immer noch der
7. Oktober. [1]Ein ARD-Team hat jetzt für die Dokumentation „7. Oktober - Krieg ohne Ende?“ mit Überlebenden den Kibbuz Nir Oz besucht bzw. das, was von ihm übrig geblieben ist. Für die, die dem Massaker der Hamas entronnen sind, wird immer 7. Oktober sein. Sie mussten schrecklichste Grausamkeiten mit ansehen, sie haben ihre Angehörigen verloren, sie werden nie vergessen können.


Wir haben größeren Abstand, aber auch hier ist die Erinnerung an den 7. Oktober kaum erträglich. In der Mannheimer Synagoge gab es zum Jahrestag ein sehr berührendes Gedenken. Opfer des Massakers bekamen wieder ein Gesicht, wurden herausgenommen aus der Anonymität der Opferzahl 1200. Es wurde zum Beispiel die letzte WhatsApp-Kommunikation von Vivian Silber mit ihrem Sohn Jonathan gelesen. Sie hatte sich in ihrem Haus im Kibbuz Beeri versteckt, als die Terroristen den Kibbuz eingenommen hatten. Als überzeugte Friedensaktivistin hatte sie früher Kinder aus Gaza in israelische Krankenhäuser zu notwendigen Behandlungen gebracht. Jetzt konnte sie nur noch ihren Sohn und ihre Liebsten grüßen und ihre Dankbarkeit für das Leben im Kibbuz ausdrücken. Von ihrem Haus blieb nichts übrig, es war bis auf einige Scherben niedergebrannt. Vivian Silber war ein Ganzbrandopfer geworden, auf Griechisch holocaustos.


Eine Überlebende des Kibbuz Nir Oz berichtete dem Künstler Luigi Toscano, der sie für seine Ausstellung „Schwarzer Schabbat“ porträtierte, dass sie bei dem Angriff am 7. Oktober unter den Terroristen Leute erkannte, die früher den Kibbuz besucht hatten und denen dort geholfen wurde. Auf die Frage, ob sie das wieder tun würde, den Menschen in Gaza helfen, antwortete sie mit „Ja“.


Marina Münkler weist in ihrer brillanten Analyse in der Süddeutschen Zeitung vom 7. Oktober „Das Massaker als Triumph“ nach, dass der 7. Oktober von der Hamas bewusst als Massaker und Pogrom inszeniert wurde: „Seine Grundelemente (des Massakers) sind das möglichst grausame Töten, das Martern und Verstümmeln, das Kastrieren und Vergewaltigen. Deshalb ist es auch für die Systematik des Massakers wichtig, dass niemand verschont wird, aber nicht alle getötet werden. Das macht Frau und Kind zu bevorzugten Opfern, denn ihre Vergewaltigung und Verstümmelung reißt zugleich die gesellschaftliche Ordnung auseinander, weil Männer und Väter sie nicht schützen konnten und weil sie, wenn sie überleben, bis an das Ende ihrer Tage, die Zeichen ihrer Verletzung in sich tragen.....Aber das Massaker reichte der Hamas nicht, sie wollten auch den Pogrom. Nach dem Massaker, das im Morgengrauen begann, drangen gegen Mittag auch palästinensische Zivilisten bewaffnet mit Hämmern, Äxten und Mistgabeln in verschiedene Orte ein und beteiligten sich am Abschlachten von Israelis. Was spontan aussieht, war mit Sicherheit inszeniert.....Das Pogrom [2]ist ein weitestgehend ziviles im Sinne eines nicht militärisch organisiertes Ereignis. Es ist das Werk der feindlichen Nachbarn, die „nun endlich“ Gelegenheit gekommen sehen, den „Anderen“ straffrei zu verletzen, zu demütigen, zu töten und ihm zu rauben, was ihm gehört.“ [3]


Innerhalb von zwei Jahren sind wir zweimal „in einer anderen Realität aufgewacht“ (Baerbock). Mit Putins Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 war klar, dass das große Wort „Nie wieder Krieg!“ nicht mehr gilt. Am 7. Oktober hat die Hamas gezeigt, dass auch das andere große „Glaubensbekenntnis“ „Nie wieder Auschwitz!“ genauso widerlegt ist. Der Judenhass vom Schlage der Nazis ist längst zurück. Wie bei den Nazis kennt der Terror der Hamas nur eine Lösung- und damit nur eine „Erlösung“- für die Palästinenser: Tod und Untergang für Israel und die Juden. Die überzeugten Nazis kämpften bis zu ihrem Untergang, die Hamas wird es ihnen gleichtun. Insofern besteht „Hoffnung“, hebräisch Hatikwa, und es war gut, dass die israelische Hymne in Mannheim und andernorts am Ende des Gedenkens gesungen wurde.


Vor einigen Jahren gab es eine aufgeregte Diskussion über einen Videoclip in den „Sozialen Medien“. Ein australischer Holocaust-Überlebender hoch in den Achtzigern war mit vier Enkeln nach Auschwitz gereist. Dort nahmen sie am Eingangstor vom Lager Auschwitz und an der Rampe von Birkenau den Clip zum Song von Gloria Gayner „I will survive“ auf. Sie sangen und tanzten, die Jungen sehr freizügig gekleidet. [4]Eine Gruppe von Überlebenden des Nova-Festivals hat etwas Ähnliches gemacht. Sie nahmen auf dem immer noch verwüsteten Gelände des Festivals ein Tanzvideo auf. Zuerst tanzten sie die ausgelassene Festfreude der über 4000 Teilnehmer, dann kam die Darstellung des Massakers mit Menschenkörpern, die in alle Himmelsrichtungen verstreut da lagen, und schließlich standen sie auf und tanzten weiter.


Das ist die Alternative zum Terror: Freiheit und Fest, Aufstehen und Mensch sein.



[1]s. Blog-Eintrag vom 27.3.2024

[2] Pogrom ist russisch und bedeutet „Verwüstung, Zertrümmerung“. Die Herkunft des Wortes ist nicht zufällig: In Russland und anderen osteuropäischen Ländern gab es besonders im
19. Jahrhundert immer wieder Pogrome an jüdischen Gemeinschaften. Aber auch in anderen europäischen Ländern waren gerade kleinere jüdische Gruppen im „Stetl“ insbesondere in der Zeit vor Ostern diesen Gefahren ausgesetzt.

[3] SZ vom 7.10 2024, S. 9

[4]https://www.youtube.com/watch?v=aajPQw47iq4